"Wir waren nicht brav und artig!" 45

Ein Gastbeitrag von Nina Rüter zu den erreichten Ausbildungsvergütungen für Therapeuten an Uni-Kliniken und kommunalen Krankenhäusern

10.11.2018

Vor einem Jahr wurde hier über uns eine Weihnachtsgeschichte geschrieben. Ab Januar 2019 werden endlich die längst überfälligen Geschenke an alle betrieblich-schulischen Azubis folgen. Und wie haben wir das geschafft?
Wir waren nicht brav und artig! Wir sind aufgestanden, waren laut und haben demonstriert.

Aber fangen wir vorne an.
2015 standen, wie alle zwei Jahre, Tarifverhandlungen der Länder an. Doch in diesem Jahr wurde eine Minderheit laut. Es handelte sich um die Auszubildenden an Unikliniken in den Berufen der Medizinisch- Technischen Assistenz, Diätassistenz, Notfallassistenz, Logopädie, Orthoptik, Ergotherapie und der Physiotherapie. Die Azubis forderten erstmals eine Vergütung, denn die mit den Patienten verbrachte Zeit, die Unterstützung der Festangestellten sowie die eigenständigen Behandlungen, hatten letztendlich doch auch einen finanziellen Profit zur Folge. Profit, von dem wir Auszubildenden keinen Cent sahen. Dies galt es zu verändern!

Im Mai 2015 ging es dann erstmals mit Piratenkostümen und Trillerpfeifen auf die Straße. Der Grundstein war gelegt, die Empörung der Auszubildenden wurde deutlich und die Forderungen bis zur nächsten Tarifrunde weiter ausgearbeitet.

Im Februar 2017 hieß das Motto der Bewegung #unbezahlt „Blank bis auf die Knochen“. Die Bewegung wurde immer größer und die Azubis immer lauter - Wir hatten ein klares Ziel vor Augen: Eine Vergütung in Höhe der Pflege und einen damit verbundenen Tarifvertrag. Mit Abschluss der Tarifverhandlungen 2017 kam es zu einem Ereignis, das es in der Form bisher nicht gegeben hatte. Die Frage um die Vergütung wurde zwar nicht in dieser Tarifrunde geklärt, jedoch bekamen wir eigene Verhandlungen, bei denen auch zwei Azubis mit am runden Tisch sitzen durften und so die Stimme für ihre Kommiliton/innen sein durften. Darunter war auch ich vertreten.

Im April 2017 stand die erste Verhandlungsrunde in Berlin an. Hoch motiviert, mit viel Adrenalin und siegessicher gingen wir in die Verhandlungen. Doch wie ein Politiker dieser Verhandlungen sagte: „So einfach funktioniert Politik nicht.“ Obwohl die Arbeitgeber auf Zeit gespielt haben und die Verhandlungen oft mit schleierhaften Argumenten vertagt wurden, haben wir weiter gekämpft, argumentiert und diskutiert. Wir sind immer mehr und somit auch immer stärker geworden.

Die letzte Verhandlungsrunde fand am 30.Oktober 2018 zusammen mit den Vertretern der kommunalen Krankenhäuser statt. Somit handelte es sich mittlerweile nicht mehr nur um die Auszubildenden der Unikliniken und der Länder, sondern auch um die der Kommunen. Unterm Strich sind das über 4.500 Auszubildende, die sich zusammengeschlossen haben und durch ver.di vertreten wurden.

Dieser Zusammenschluss hatte einen historischen Erfolg!
Es gibt nun eine Einigung für eine Tarifierung der betrieblich-schulischen Auszubildenden ab Januar 2019!


Konkret heißt das:
- 965,24 Euro bis 1.122,03 Euro Vergütung (je nach Ausbildungsjahr)
- eine Prämie von 400 Euro bei erfolgreich abgeschlossener Ausbildung
- Jahressonderzahlung in Höhe von 95 Prozent der Ausbildungsvergütung
- 38,5 (West) bis 40 Stunden (Ost) Ausbildungszeit
- 29 Urlaubstage
- bis zu fünf Tage Freistellung für Prüfungsvorbereitungen
- Anspruch auf Übernahme für mindestens zwölf Monate

So regelt der Tarifvertrag weit mehr als nur die finanziellen Vorteile.
Für mich zeigt dieser riesige Erfolg wie wertvoll eine Gewerkschaft für eine Berufsgruppe sein kann. Wie viel wir erreichen können, wenn wir uns zusammenschließen und uns gemeinsam für eine Verbesserung stark machen.

Ich würde mich freuen, wenn auch Du von meiner Fortsetzung der Weihnachtsgeschichte begeistert bist und jetzt noch mehr Lust hast, etwas zu verändern.
Mein Weg, den ich bis jetzt gehen durfte, wurde von der Gewerkschaft ver.di geebnet. Nicht nur habe ich die Möglichkeit mit vielen Kollegen gemeinsam ein Anliegen anzusprechen und publik zu machen, sondern auch aktiv in den Verhandlungen meinen Standpunkt zu erläutern.
Die Größe und Erfahrung der Gewerkschaft, in Verbindung mit dem unermüdlichen Einsatz der Azubis, sind wichtige Grundlagen für diesen Erfolg.
Ich bin gespannt, was wir in den kommenden Jahren weiteres zusammen erreichen können, um unseren Beruf nicht nur für unsere Patienten, sondern auch für uns Therapeuten wertvoller zu machen!

Nina Rüter für physio.de

Anmerkung der Redaktion:
Dies betrifft leider ausschließlich Schüler in Ausbildungsstätten welche an tarifgebundene Krankenhäuser der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TDL) oder der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) angegliedert sind. Das sind alle Häuser in kommunaler und Landes-Trägerschaft, sowie manche Uni-Kliniken. Noch konkretere Auskünfte erhalten Sie dann direkt bei Ver.di.


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