Ärztevertreter gegen Direktzugang 28

Mediziner wollen das Zepter nicht aus der Hand geben.

14.06.2019

Die Ärzte jammern über Abwanderung, über zu viel Arbeit und zu wenig Geld. Es gibt nach ihrer Ansicht zu wenige Mediziner in Deutschland. Die Lösung aber, Teilkompetenzen zu eigener Entlastung abzugeben, lehnen sie klar ab.

Bei einer Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Münster hat sich der KBV-Chef Dr. Andreas Gassen klar gegen einen Direktzugang ausgesprochen. Allgemein fühlt sich die Vertreter-Riege von Gesundheitsminister Spahns Gesetzesentwürfen vor sich hergetrieben. Gesetzesinitiativen in hoher Taktung wären ihrer Ansicht nach aber nicht die Lösung des Problems.

Es könne nicht sein, so Gassen, dass die Gesundheitsberufe mit der Therapie begönnen, und dann gehe die Verantwortung anschließend wieder auf den Arzt über. Die Qualität unseres Gesundheitssystems begründe sich darin, dass der Arzt die Versorgung koordiniert und verantwortet.

Auch der KV-Chef in Baden-Württemberg, Dr. Norbert Metke, wirkt sehr aufgeregt. Metke ist nebenbei auch der Urheber des bisherigen Heilmittelkataloges. „Soll der Gesundheitsberuf künftig der Steuermann sein und wir nur noch die zweite oder dritte Linie?“ Hier müssten die Ärzte klar gegenhalten. Vor allem mit guten Konzepten für eine Delegation unter ärztlicher Steuerung - dies auch im Sinne der Versorgungsqualität.

In einem Interview mit der Ärztezeitung plädiert Metke für weniger Schnittstellen und mehr Steuerung. Der Arzt habe eine zwölfjährige Ausbildung, da könne ein Beruf mit drei Jahren Ausbildungszeit nicht die gleiche Kompetenz aufbieten. Deshalb spricht er sich vehement gegen den Direktzugang aus. Das heißt für ihn aber auch, dass die Ärzte eine längerfristige Abgabe von Kompetenzen an die Gesundheitsberufe durchdenken sollten, allerdings dann vom Arzt gesteuert. Wenn der Arzt 30 physiotherapeutische Anwendungen verschreibt, gibt er ja auch hier schon für drei Monate die Behandlung in andere Hände.

Gassen betonte in Münster, dass die Prozessverantwortung der Arzt tragen müsse. „Wir halten den Kopf dafür hin, dass der Gesellschaft die Gesundheitskosten nicht um die Ohren fliegen“, so Gassen. Er sieht auch die Telemedizin und die Digitalisierung nicht als Allheilmittel. Einzige Möglichkeit dem Ärztemangel entgegenzutreten sei, die Anzahl der Studienplätze zu erhöhen. Er beruft sich dabei auf Zahlen aus einer Studie des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung (Ki).

„Mit den aktuell in Ausbildung befindlichen Nachwuchsmedizinern können wir den künftigen Bedarf an ärztlicher Versorgung nicht decken. Dafür bräuchten wir bis zum Jahr 2035 jedes Jahr 6.000 Studienplätze zusätzlich“, erklärte er. Es räche sich jetzt der Studienabbau insbesondere nach der Wende. Studierende, die jetzt ausgebildet werden, wären erst in 15 Jahren als fertige Ärzte in der Praxis angekommen.

Die AOK wiederum verkündet fast gleichzeitig, dass es noch nie mehr berufstätige Ärzte gegeben habe. Sie spricht von 395.000 Medizinern. Die Ortskrankenkasse sieht das Problem eher an der falschen Verteilung von Arztsitzen.

Ul.Ma. / physio.de