Kooperation statt Konfrontation - 1. Teil

17 Kommentare

Zum ersten Mal fand ein umfassender Heilmittelworkshop statt – physio.de durfte als externer Beobachter teilnehmen.


21.05.2019

Donner, Ramm und Malzahn! Was zunächst sehr martialisch nach Konfrontation klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Nachnamen sehr ehrenwerter Teilnehmer am ersten umfassenden Heilmittelworkshop in der Therapeutenhistorie. Eingeladen hatte Dr. Roy Kühne, der erste und einzige Therapeut im Deutschen Bundestag. Es kamen in die Vorstandsetage des vdek zu Berlin nahezu das komplette Who’s Who der Therapeutenbranche nebst Vertretern von Krankenkassen, Gesundheitspolitik und Hochschulen.
Die Teilnehmer
1) Heilmittelbereich
- Physiotherapie: VDB, Physio Deutschland, IFK, VPT
- Ergotherapie: DVE, BED
- Logopädie: LOGO Deutschland, dbl, dbs, dba
- Podologie: PODO Deutschland, VDP
- SHV
- Vereinte Therapeuten
- Therapeuten-am-Limit
2) Krankenkassen
- Drei zuständige Vertreter des Verbandes der Ersatzkassen (vdek)
- Zwei zuständige Vertreter der AOK
- Ein zuständiger Vertreter des GKV-Spitzenverbandes
- Die Vorstandsvorsitzende des vdek Frau Ulrike Elsner als Gastgeberin
3) Gesundheitspolitik
- Herr Becker aus dem Bundesministerium für Gesundheit
- Dr. Roy Kühne, MdB, Initiator der Veranstaltung
- Frau Claudia Schmidtke, Patientenbeauftragte der Bundesregierung
- Herr Spahn hatte seine Teilnahme angeboten – doch an seinem Geburtstag bekam selbst ein Minister mal frei
4) Hochschulen
- Frau Prof. Heidi Höppner, Alice Salomon Hochschule (ASH)
- Frau Prof. Jutta Räbiger vom Hochschulverbund Gesundheitsberufe (HVG)

Begrüßung
Wie zu erwarten, gab es zur Einleitung Worte der Begrüßung von Frau Elsner, Herrn Kühne, Frau Schmidtke und Herrn Becker aus dem Ministerium. Bemerkenswert aber waren die Äußerungen von Frau Schmidtke, dass für sie als Ärztin ein Gesundheitssystem ohne Heilmittelerbringer nicht mehr vorstellbar sei; ferner die Ansage von Herrn Becker, dass das Ministerium die heutige Veranstaltung mit großem Interesse begleite und sich konkrete Vorschläge zu Vergütung, Arbeitsplatzbedingungen und Befugnissen erbete.

Das Format
Als Glücksfall erwies sich das gewählte Format, das sog. World-Café.
Hierbei konnten alle Akteure in einem geschützten Raum einmal ganz losgelöst von konkreten Verhandlungen offen miteinander sprechen. Mit dem Ergebnis, dass man plötzlich Akteure im regen kooperativen Austausch miteinander sah, welche sich bisweilen auf offener Bühne eher frostig begegneten.

Konkret bestand das Format aus drei einzelnen Runden, welche jeweils unter einem bestimmten Thema standen und mit einem Impulsvortrag eingeleitet wurden. Hernach ging es für knapp eine Stunde zur intensiven Kleingruppenarbeit an Stehtische. Aufgabe war es, Lösungen zu diskutieren und am Schluss die Ergebnisse dem Plenum zu präsentieren.

Ob es an diesem Ergebnisdruck, dem straffen Zeitplan oder dem geschützten Raum lag, dass ein sehr wertschätzendes konstruktives Gesprächsklima gepaart mit intensivem Ringen herrschte, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Einig waren sich am Schluss alle, dass ein großer Anteil am Erfolg der sehr höflichen aber bestimmten Moderation von Jan Hortig, einem Mitarbeiter aus dem Büro Kühne, geschuldet sei.

Die Arbeit beginnt.

Runde 1:
„Nachwuchs gewinnen“ oder
Was muss in den nächsten drei Jahren passieren, damit der Nachwuchs bleibt/kommt?


Impulsvortrag von Frau Prof. Räbiger, HVG
In ihrem Vortrag ging Frau Prof. Räbiger v.a. auf den Status quo ein. Sie präsentierte Zahlen, wonach 60% bis 90% der Auszubildenden Abitur hätten (Quelle: statistische Landesämter). 95% würden an Fachschulen und 5% an Hochschulen (Quelle: Hochrechnungen der HVG) ausgebildet. 2009 eingeführt, handele es sich aber leider immer noch um sog. Modellstudiengänge. Der Flickenteppich bezüglich der Schulgeldfreiheit in den einzelnen Bundesländern trage sein Übriges zur Verunsicherung und Verwirrung potentieller Auszubildender bei.
Als Vertreterin eines Hochschulverbundes trete sie naturgemäß für eine Vollakademisierung des Berufes ein, da sie keine „Abstufung des Berufes in studierte und nicht studierte Therapeuten“ wolle.

Vorschläge aus der Kleingruppenarbeit:
- In der Öffentlichkeit müsse zukünftig wieder ein klares attraktives Berufsbild stehen. Ein Teilnehmer wörtlich: „Es ist ein einziger Wirrwarr, da blickt kein Bewerber durch. Und wenn er sich einliest, liest er nur noch Negatives.“
- Reform der Ausbildung zur mehr Handlungskompetenz durch weitgehende Inkludierung der Zertifikate
- Deutliche Vergütungserhöhungen. Heutige Interessenten informieren sich meist vor der Ausbildung über Verdienstmöglichkeiten. Mit großem Interesse wurde die Möglichkeit eines einheitlichen Minutenpreises diskutiert.
- Werdegang zum Physiotherapeuten weiterhin „durchlässig“ angelegt – der Beruf muss auch dem Hauptschüler offen stehen
- Schulgeld bundesweit abschaffen und durch eine Ausbildungsvergütung ersetzen
- Direktzugang (DA) einführen. Allerdings war man sich uneinig, wie viel von der Budgetverantwortung die Therapeuten übernehmen müssten.
- Uneinigkeit bestand ferner bei dem Thema der Vollakademisierung. Einigkeit dagegen bei der Forderung aus Modellstudiengängen Regelstudiengänge zu machen.

Fazit:
Für die Nachwuchsgewinnung ist das Berufsbild in der Öffentlichkeit essentiell. Entscheidend hierfür sind sowohl der gesellschaftlich erreichbare Status, als auch der Status innerhalb des Gesundheitswesens.

Schlussbemerkung:
Neben all der positiven Einigkeit blieb den Vertretern von Politik und Kostenträgern auch nicht die Zersplitterung und punktuelle Uneinigkeit der einzelnen Heilmittelprofessionen untereinander verborgen. Mancherorts konnte man die Sorge der zahlenmäßig kleineren Professionen, neben der großen Gruppe der Physiotherapeuten nicht gesehen zu werden, deutlich erleben. Schlagwörter hier waren: ‚Diversifikation ist wichtig!’, ‚Bitte nicht alles eine Matsche!’

Lesen Sie im 2. Teil des Artikels die Ergebnisse der Runden zwei und drei und wie es nun nach dem Workshop weitergeht.

Friedrich Merz / physio.de

  • (12)
    21.05.2019 00:45
    Medico
    Medico: 3191 Beiträge, 93% Empfehlungen

    Danke für den klasse Bericht! Ich bin gespannt auf Teil II

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  • (3)
    21.05.2019 01:12
    MikeL
    MikeL: 4842 Beiträge, 89% Empfehlungen

    Schön, dass auch mal konstruktiv gearbeitet werden kann!

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  • (3)
    21.05.2019 05:54
    Xela
    Xela: 1864 Beiträge, 65% Empfehlungen

    Na endlich... hat so ein Termin mal geklappt und offensichtlich ist jetzt allen klar, wie nötig Lösungen sind.

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  • (8)
    21.05.2019 07:52
    tom1350
    tom1350: 4179 Beiträge, 32% Empfehlungen

    lachen ...heute bei Wünsch-dir-was...

    Ob dem Wunsch von Herrn Becker entsprochen wird? Immerhin sind das Inhalte der Verhandlungen der Vertragspartner im nächsten Jahr. Also auch vom BMG hier Wünsch-dir-was.

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    (6)
    21.05.2019 10:18
    Xela
    Xela: 1864 Beiträge, 65% Empfehlungen
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    (1)
    21.05.2019 10:27
    tom1350
    tom1350: 4179 Beiträge, 32% Empfehlungen
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    (1)
    21.05.2019 10:31
    tom1350
    tom1350: 4179 Beiträge, 32% Empfehlungen
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  • (2)
    21.05.2019 08:23
    Philipp Morlock
    Philipp Morlock: 411 Beiträge, 42% Empfehlungen

    Zum Sternchensystem hier denke ich nur Orville Staffel1 Episode7

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  • (4)
    21.05.2019 10:38
    VAUPE
    VAUPE: 654 Beiträge, 90% Empfehlungen

    Der Aktion kann sogar ich als "notorischer Dauernörgler" durchaus was abgewinnen...………..lecker

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    Es gibt 2 Anworten:

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    (1)
    21.05.2019 15:38
    hermi
    hermi: 1529 Beiträge, 85% Empfehlungen
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    (2)
    21.05.2019 18:49
    VAUPE
    VAUPE: 654 Beiträge, 90% Empfehlungen
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  • (2)
    21.05.2019 22:11
    marek481
    marek481: 24 Beiträge, 60% Empfehlungen

    Eine journalistische Sternstunde, danke dafür!

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  • (3)
    31.05.2019 19:25
    ARog
    ARog: 37 Beiträge, 100% Empfehlungen

    Schön zu lesen dass es endlich angekommen ist wie wichtig die Physio ist und noch wichtiger in Zukunft wird.
    Trotzdem ist es unverständlich dass man einerseits die Physio auf internationaler Ebene gleichstellen, den First Contact etc. einführen möchte und andererseits diese den Hauptschülern, die zum Teil nicht mal 1+1 zamrechnen können, zugänglich machen möchte. Wie soll dann unser Niveau erhalten bleiben?!? Ich möchte mich dann bestimmt nicht von solchen behandeln lassen.... wenn wir Physios mehr verdienen würden, dann würden sich auch wieder mehr, v.a. Männer, die Familien ernähren wollen, dafür begeistern lassen.....

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  • 01.06.2019 08:26
    Norbert Meyer
    Norbert Meyer: 875 Beiträge, 74% Empfehlungen

    Wer hatte denn Verantwortung für den Termin ?
    GERADE HERR SPAHN als zuständiger Minister fehlt aus rein berechtigten Gründen, ein unverzeilicher Lapsus!
    er bewegt viel auch zwischen den Fronten und kann Köpfe waschen!!!

    Wir, bisher als Bittsteller + entbehrliche " Heilhilfskräfte" definiert, erleben erstmalig eine gewisse Anerkennung zur Notwendigkeit der Versorgung der Kassenmitglieder, AUFWACHEN like

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  • (1)
    04.06.2019 15:56
    Lutz Donath
    Lutz Donath: 5 Beiträge, 100% Empfehlungen

    Ich hoffe für alle fast ausschließlich idealistisch agierenden Therapeuten, dass es wie sonst meist nur beim Reden bleibt und erinnere gern alle Entscheidungsträger an kluge Worte von Goethe: Es ist nicht genug zu wissen...man muss auch umsetzen. Es ist nicht genug zu wollen...man muss vorallem tun. geschmeichelt

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    Es gibt eine Anwort:

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    04.06.2019 16:36
    Lutz Donath
    Lutz Donath: 5 Beiträge, 100% Empfehlungen
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  • (2)
    04.06.2019 21:11
    minna178
    minna178: 1 Beiträge, 100% Empfehlungen

    Endlich werden wir erhört, dann sollten wir auch was zu sagen haben und aus einem einheitlichen Sprachrohr sprechen:
    Wenn wir mehr Vergütung, Direkt Zugang haben möchten und auf "Augenhöhe mit den Ärzten" diskutieren wollen (zu Recht), dann MUSS die Ausbildung in Zukunft ein STUDIUM sein (natürlich ohne Vergütung, sonst ist es ja kein Sutdium, sondern eine Ausbildung ohne Ansehen, wie wir bisher gesehen haben) und kann daher auch nicht dem Hauptschüler offen stehen!

    Ein Studium böte zudem die Möglichkeit::
    - Zertifiaktspositionen zum Beispiel als Master zu erwerben (in einer dreijährigen Ausbildung ist dies nicht zu machen, wie soll das gehen, wenn man keine Ahnung hat???) sowie
    - wissenschaftlich zu arbeiten bzw die Wirksamkeit von Therapien zu belegen, was unverzichtbar für Lohnerhöhungsforderungen ist.
    Physiotherapie wird nur durch ein Studium die Situation von uns fleissigen Therapeuten gerecht! Jetzt können wir es ändern!

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