Deutlich, schnell und spürbar

20 Kommentare

An der Alice Salomon Hochschule wurde die qualitative wissenschaftliche Auswertung der Brandbriefe vorgestellt.


22.02.2019

„… eine willkommene Möglichkeit völlig undifferenziert nach Herzenslust zu klagen“ und
„Diese Briefe dürfen nicht auf den gesamten Berufsstand bezogen werden.“ So kommentierte ein meist gut informierter Leser unserer Artikel die Ankündigung der Präsentation der wissenschaftlichen Auswertung der Brandbriefe an den Therapeuten-am-Limit Heiko Schneider.

Hat er Recht? Die Antwort lautet: „Jein“.


Zeit, für eine kleine Lektion in wissenschaftlichem Arbeiten. Man unterscheidet:
A) Quantitative Untersuchungen
Hier besteht das Ziel darin, am Ende repräsentative Aussagen für eine ganze Berufsgruppe treffen können. Dafür ist es aber wichtig, im Vorfeld Kategorien festgelegt zu haben, welche ich genau untersuchen möchte. Je treffender die Kategorien, umso aussagekräftiger am Ende die Studie.

B) Qualitative Untersuchungen
Hierfür ist es wichtig, induktiv – also von der Basis her – zu schauen, „wo denn der Schuh drückt“. Man fragt also so lange, bis eine sog. „theoretische Sättigung“ erreicht ist. Das heißt: „Wenn ab dem 700sten Brief nichts Neues mehr kommt, weiß man, dass die theoretische Sättigung erreicht ist und man alle Dimensionen des Problems qualitativ erfasst hat.“ (Prof. Dr. Heidi Höppner)

Man kann also sagen, eine gute qualitative Untersuchung stellt die perfekte Voraussetzung für eine repräsentative Studie dar. Und um so eine qualitative Untersuchung ging es bei der Auswertung der Brandbriefe durch Prof. Dr. Heidi Höppner und Dr. Eva-Maria Beck von der Alice Salomon Hochschule in Berlin.

Nach genauer Sichtung der fast 1.000 Brandbriefe wählten die Wissenschaftlerinnen 629 zur genaueren Analyse aus. Die meisten stammten aus dem Bereich der Physiotherapie, gefolgt von der Logopädie und der Ergotherapie.

Interessant für Höppner und Beck war die Tatsache, dass die Briefe primär ja nicht für die Wissenschaft, sondern für einen Kollegen geschrieben waren, wodurch diese einen unmittelbaren Einblick in die Gemütslagen der Therapeutinnen gewähren. (Das Einverständnis zur wissenschaftlichen Auswertung hatten die Autoren/innen gegeben). Viele geben sich darin wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen auch noch selbst die Schuld (Selbstattribuierung). Und wenn sie noch nicht völlig resigniert sind, so leiden sie unter einer fehlenden Adresse für ihren Protest. Dieser Einblick in die emotionale Betroffenheit war auch nach eigenem Bekunden der berührendste Aspekt bei der Analyse für Frau Prof. Dr. Höppner.

Die eingangs erwähnten und durch die qualitative Untersuchung herausgefilterten Kategorien sind:

1) Eine berufliche Gratifikationskrise
Hierunter versteht man ein Missverhältnis zwischen aufgebrachtem Engagement und der dafür zurückerhaltenen „Belohnung“ in Form von Gehalt, Anerkennung, Arbeitplatzsicherung und Entwicklungsmöglichkeiten. Lange Zeit versuchen Therapeuten/innen dies mit einem Überengagement zu kompensieren, was allerdings nach einer gewissen Zeit zwangsläufig zu einem „Ausbrennen“ führt.

2) Paradoxe Entwicklungen
Auf Grund der Bevölkerungsentwicklung steigt die Nachfrage nach therapeutischen Leistungen. Dies führt aber nicht zu einer Ausweitung des therapeutischen Angebotes. Ganz im Gegenteil: 2017 wurden 24 Mio. Behandlungseinheiten weniger verordnet als 2016. Ebenfalls paradox ist die Tatsache, dass eine höhere Qualifikation in Form eines Studiums nicht zu einer höheren Anerkennung im System führt.
Punkt 1 und 2 erklären auch, warum Therapeuten nach einem Studium in den seltensten Fällen „an die Bank“ zurückkehren, sondern sich lieber eine Anstellung in der Forschung, Lehre oder Verwaltung suchen. Man kann auch sagen: „Das gebrannte Kind, scheut das Feuer!“ Bestes Beispiel hierfür war ein an diesem Nachmittag anwesender Ergotherapeut, der jetzt als Referent für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) arbeitet.

3) Hohe Bürokratie
Es ist schlichtweg ein Unding, dass die Therapeuten/innen als letzte „in der Nahrungskette“ (unentgeltlich) die Rezeptgebühr für die Krankenkassen eintreiben müssen oder für nicht entdeckte Fehler auf der Verordnung haften.

4) Fehlende Stimme im System
Ein Gefühl der Machtlosigkeit spricht aus den Briefen. Wer vertritt eigentlich kompetent und erfolgreich unsere Interessen gegenüber den „Großen“ im Gesundheitssystem und der Politik. (Anm. der Redaktion: Dr. Roy Kühne, MdB, scheint immer noch nicht hinreichend bekannt zu sein in der Therapeutengemeinde.)

5) Therapeuten sind ein Seismograph
Kaum ein anderer Akteur im Gesundheitssystem ist so dicht und so lange Zeit in Kontakt mit den Patienten (und das meist noch in einem geschützten Raum) wie die Therapeuten. Sie sind also für die Versorgungsforschung eine unglaublich gute „Sonde ins Feld“, welche sehr genau registriert, was in der Versorgung an Bedarf da ist und was falsch läuft. Dieser Schatz an Information wird nur leider zu selten gehoben.

All diese Aspekte führen zu einer Flucht aus dem Beruf. Daher fordern die Wissenschaftlerinnen, den Therapeuten im Hinblick auf Ihre Bedeutung für die Bevölkerungsgesundheit den Stellenwert zu geben, der ihnen gerecht wird und ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern - und dies „deutlich, schnell und spürbar“.

Friedrich Merz / physio.de

  • (4)
    22.02.2019 12:03
    personalpilates
    personalpilates: 0 Beiträge, 0% Empfehlungen

    Sehr guter, differenzierender Artikel. Danke dafür.
    Und das bedeutet? Fehlende Systemrelevanz. Ein Ausdruck, der im Mai 2018 seinen Anfang nahm und den niemand so richtig wahrhaben wollte. Jetzt ist es sozusagen amtlich.

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    22.02.2019 20:17
    Philipp Morlock
    Philipp Morlock: 411 Beiträge, 42% Empfehlungen
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  • (4)
    22.02.2019 12:39
    marek481
    marek481: 24 Beiträge, 60% Empfehlungen

    Ich danke Herrn Merz, für seine bis in den Kern gut recherchierten Artikel!

    Danke

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  • (5)
    22.02.2019 13:12
    tom1350
    tom1350: 4179 Beiträge, 32% Empfehlungen

    Unter welchen Gesichtspunkten wurden etwa 1/3 der Briefe aussortiert?

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    (2)
    22.02.2019 13:17
    Medico
    Medico: 3191 Beiträge, 93% Empfehlungen
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    22.02.2019 14:12
    tom1350
    tom1350: 4179 Beiträge, 32% Empfehlungen
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  • (6)
    22.02.2019 15:07
    Michael Schiewack
    Michael Schiewack: 15 Beiträge, 100% Empfehlungen

    Hier muss ich den Einwurf "aussortiert" korrigieren. Nichts wurde aussortiert sondern, nach den kann 600 Briefen wurde festgestellt, dass keine Kategorien neu hinzu kommen (Wie jetzt schon mehrfach erwähnt: theoretische Sättigung). Somit ist das durchaus in der qualitativen Forschung üblich, nicht noch weitere 500 Briefe zu lesen, wenn das Ergebnis im Erwartungshorizont liegt.
    Nur einen Brief zu nehmen ist wissenschaftlich möglich (siehe Experteninterviews), aber in dem Fall keine Option gewesen, da brisantes Material in Hülle und Fülle vorhanden war.

    Der Trend zu qualitativen Forschung ist in der Wissenschaft erkennbar und hier aus den oben geschilderten Gründen in jeglicher Hinsicht etwas besonderes.

    Hier zu schlussfolgern, dass bei einer solch großen Datenmenge, die Ergebnisse keine Aussage haben, ist extrem mutig und möglicherweise aus persönlichen Gründen motiviert.

    Sei es drum, die Arbeit geht für alle weiter. Die Themen brennen und die Politik nimmt die Ergebnisse der Studie sehr ernst.

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    22.02.2019 15:39
    tom1350
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    22.02.2019 16:19
    Michael Schiewack
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    22.02.2019 16:35
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    22.02.2019 17:16
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    22.02.2019 20:56
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    22.02.2019 21:03
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    22.02.2019 22:25
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    23.02.2019 11:53
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    23.02.2019 16:20
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    23.02.2019 17:54
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    23.02.2019 19:07
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    24.02.2019 08:14
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  • (1)
    03.03.2019 20:20
    Seven
    Seven: 71 Beiträge, 100% Empfehlungen

    Es ist doch klar, was damit erreicht werden soll. Durch weitere Sabotage der Patientenversorgung soll die Rentenkasse enlastet werden...ist doch ein guter Plan- oder?
    Und alle Privatversicherten, wie Politiker und Professoren betrifft es nicht...
    Also wird es wieder auf die Schwächsten abgewälzt, wer hat gemeint, wir hätten eine soziale Marktwirtschaft?

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