Zuzahlungen als Instrument der Mengensteuerung im Heilmittelbereich 13

Ein Gastbeitrag des Physiotherapeuten und Gesundheitsökonomen (B.A.) Volker Brünger, Therapeuten am Limit (TAL)

05.10.2019

Spricht man über Zuzahlungen im Bereich der Heilmittelversorgung, so gibt es neben der seltsam anmutenden Regelung, dass Leistungserbringer kostenlos das Inkasso für Kostenträger übernehmen müssen und dem reinen Finanzierungseffekt auch den Aspekt einer Mengensteuerung.

Die Bundesregierung nennt in ihrer Antwort vom 4. März 2019 auf eine Anfrage der Fraktion DIE LINKE als gewünschten Effekt von Zuzahlungen, dass das Bewusstsein für die Kosten medizinischer Leistungen geschärft und die Eigenverantwortung von Versicherten gestärkt werden soll. Vergleicht man nun die Höhe an Zuzahlungen in den einzelnen Leistungsbereichen, stellt man fest, dass im Jahr 2018 für Heilmittel 240 Millionen Euro mehr an Zuzahlungen geleistet wurden als für Krankenhausbehandlungen. Bei Versicherten muss folglich die Annahme entstehen, dass Heilmittel verhältnismäßig teure Leistungen sind.

Auch macht die gesetzliche Regelung deutlich, dass diese Schlussfolgerung durch den Gesetzgeber durchaus gewünscht und verstärkt wird. Denn gemäß § 61 SGB V werden die Zuzahlungen in allen Bereichen mit einem Höchstbetrag von 10 Euro gedeckelt, nur nicht in der häuslichen Krankenpflege und bei den Heilmitteln. Im Gegenteil, hier wird die Zuzahlung noch zusätzlich prozentual (10%) von den tatsächlichen Kosten ermittelt, zuzüglich einer Verordnungsblattgebühr von 10 Euro. Somit ist in diesen Leistungsbereichen sichergestellt, dass Vergütungssteigerungen immer auch zu einem Anstieg der Eigenbeteiligung führen.

Man könnte unterstellen, dass der Gesetzgeber hier bewusst falsch argumentiert, denn der negative Steuerungseffekt durch Zuzahlungen bei der Nachfrage von Gesundheitsleistungen ist längst bewiesen. Selbst nach Aussage des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages besteht Konsens darin, dass von der Selbstbeteiligung besonders einkommensschwache sowie Versicherte mit schlechtem Gesundheitszustand betroffen sind, und darüber hinaus negative Folgewirkungen durch unterbliebene rechtzeitige Behandlung bestünden.

Nun könnte man behaupten, dass dieses Thema für Leistungserbringer aktuell überhaupt nicht interessant wäre, da die Praxen aufgrund des Fachkräftemangels sowieso überfüllt sind. Manche Akteure fordern ja sogar eine Erhöhung der Zuzahlungsbeträge.

Abgesehen von der Tatsache, dass die Auswirkungen auf das eigene Klientel einem Berufsstand niemals egal seien sollten, muss man auch einen Schritt weiter denken und andere Mengensteuerungseffekte in die Überlegung einbeziehen. Ein Beispiel wäre der positive Effekt der ärztlichen Verordnung auf die Nachfrage. Ganz konkret würde eine unverhältnismäßig hohe Zuzahlung im Falle des Direktzugangs einen deutlichen Nachfragerückgang nach sich ziehen und das speziell in den „unbekannteren“ Leistungsbereichen wie Ergotherapie oder Logopädie.

Fragt man Entscheider aus der Politik oder auf Seiten der Kostenträger, warum der Heilmittelbereich, der ja schon fast als Versuchslabor für Mengensteuerung bezeichnet werden kann, nun auch noch einer solch restriktiven Zuzahlungsregelung unterliegt, so ist die Antwort, dass schlicht noch niemand gezielt nachgefragt hat, eigentlich der erschütternde Teil der Erkenntnis.

Zusammenfassend kann nur angeraten werden, das Thema Zuzahlungen in seiner gesamten Bandbreite auf die berufspolitische Agenda zu setzen.

Zum Autor:
Volker Brünger
Physiotherapeut, Gesundheitsökonom (B.A.)
Therapeuten am Limit
Interessenschwerpunkt Versorgungsforschung und gesundheitsökonomische Evaluierung von Heilmittelleistungen