Rückenschulen auf dem Prüfstand 5

Schaden Präventionsprogramme eventuell mehr als sie nutzen?

20.11.2020

„Immer aus den Knien heben und den Rücken beim Heben gestreckt halten!“ So oder so ähnlich wurden schon unzählige Bedienstete in schwerhebenden Berufen instruiert. Die manuelle Handhabung von Lasten (MHL) ist ein international etabliertes Konzept, welches sogar Einzug in die Gesetzgebung mittels der Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der manuellen Handhabung von Lasten bei der Arbeit gehalten hat. MHL-Fortbildungen beinhalten sowohl theoretische Inhalte über Anatomie und Arbeitsplatzergonomie, als auch Praxisanteile, in denen Hebeübungen- und Strategien zur Reduktion von Hebebelastungen vermittelt werden.

Aktuell gerät die weitverbreitete Anwendung von MHL-Fortbildungen, beziehungsweise ihre momentanen Inhalte in die Kritik, da mit zunehmendem Erkenntnisgewinn über Rückenschmerzen- und Verletzungen Maßnahmen wie ein „rückengerechtes Heben“ an Bedeutung verlieren. Zwar gilt es als erwiesen, dass Personen Rückenschmerzepisoden durch das Heben oder Tragen von Lasten bekommen können, allerdings scheinen weder die Art und Weise der Handhabung beim Heben, noch die Haltung im Gehen, Stehen oder Sitzen kausal mit Rückenschmerzepisoden in Zusammenhang zu stehen. Zudem zeigen Untersuchungen, dass die Effekte von MHL-Weiterbildungen auf die Anzahl von Rückenschmerzepisoden zu vernachlässigen sind.

Als potentiellen Grund für dieses Phänomen wird in der Fachwelt diskutiert, ob die erlernten Verhaltensweisen von Arbeitern in der Praxis schlichtweg nicht umgesetzt werden. Ein weiterer diskutierter Grund ist radikaler und würde, im Falle weiterer Hinweise auf seine Richtigkeit, einen gewaltigen Stein ins Rollen bringen: Die gesamte Prämisse, auf der MHL-Fortbildungen aufgebaut werden, nämlich den Körper als eine biologische Maschine zu sehen, die vor Belastungen geschützt werden müsse und bei der Gewebsverletzungen unweigerlich zu Schmerzen führen müssten, ist falsch. Vielmehr sollte der Mensch als biopsychosoziales, adaptives System gesehen werden, das durch Stressoren stärker wird. In diesem Fall hätten Maßnahmen der MHL zur Folge, Bewegungsängste und Bewegungsvermeidung zu fördern, die als bekannte Risikofaktoren für chronische Schmerzsyndrome betrachtet werden.

Der Versuchsaufbau
Eine Forschungsgruppe um Diarmuid Horgan von der Limerick Universität in Irland befragte 118 Personen aus Gesundheitsberufen unmittelbar vor und nach der Teilnahme an einer MHL-Weiterbildung bezüglich ihrer Überzeugungen über Rückenschmerzen und ihrer kinesiophobischen Tendenzen mittels Tampa Scale of Kinesiophobia (TPA). Zudem wurden den Probanden Bilder diverser Alltagsaktivitäten, insbesondere Hebetätigkeiten, gezeigt, deren Gefährlichkeit sie bewerten sollten.

Die Ergebnisse
Interessanterweise waren die Probanden nach Teilnahme an der Weiterbildung zuversichtlicher, was die Folgen einer Rückenschmerzepisode anging. Genereller Aktivität standen sie weniger ängstlich gegenüber. Diese Bewertung änderte sich schlagartig beim Betrachten der Fotos alltäglicher Aktivitäten. Insbesondere Bewegungen, die die Belastung der Wirbelsäule erhöhten, wurden als signifikant gefährlicher wahrgenommen als vor der Weiterbildung. Die Forscher vermuten, dass den Probanden während des Ausfüllens der TPA zunächst nicht klar war, dass die Fragen auch auf Bewegungen der Wirbelsäule zielten.

Fazit der Autoren
Zum ersten Mal wurden die Folgen von MHL-Fortbildungen auf die Bewegungsüberzeugungen von Arbeitern untersucht. Die Studie scheint die Vermutung der Autoren zu bestätigen: Die Empfehlungen zur manuellen Handhabung von Lasten verändern die Beurteilungen der Gefährlichkeit von Alltagsaktivitäten. Die Forscher weisen auf die Dringlichkeit für größere Studien zu diesem Thema hin.

Die Angst vor Belastungen der Wirbelsäule steht im Kontrast zur aktuellen Evidenzlage. Eine Reformation der MHL-Fortbildungen müsse zwei Aspekte beinhalten:

  • • Erstens müsse der Fokus mehr auf psychosoziale Risikofaktoren von Rückenschmerzen gelegt werden.
    • Zweitens muss Arbeitern vermittelt werden, dass nicht das Bewegungsverhalten, sondern die physische und psychische Belastbarkeit ausschlaggebend für das Rückenschmerzrisiko ist.
Die Autoren monieren, dass immer noch der Glaube in der Bevölkerung aufrechterhalten wird, dass das Beugen der Wirbelsäule schädlich sei. Insbesondere Spezialisten aus dem Gesundheitssektor seien hierfür verantwortlich. Sie fordern einen Paradigmenwechsel von „Sicherheit durch Vermeidung“ zu „Sicherheit durch Beanspruchung“.

Ein kostenloses Abstract der Studie finden Sie hier.

Daniel Bombien / physio.de


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