Rollen und Gleiten 4

Bestätigt die Ausnahme die Regel?

12.09.2020

Die Konvex-Konkav-Regel
Nahezu selbstverständlich wird die Konvex-Konkav-Regel in Physiotherapieschulen und Manuelle-Therapie-Kursen gelehrt. Die von Freddy Kaltenborn aufgestellte Regel zur Arthrokinematik besagt, dass bei einer konvexen Gelenkfläche sich das Gleiten entgegengesetzt der Knochenbewegung abspiele, wobei hingegen das Gleiten einer konkaven Gelenkfläche in dieselbe Bewegungsrichtung wie die des Knochens geschehe. Dieser Vorgang scheint grundsätzlich plausibel, da sie das Luxieren, also ein „aus der Pfanne rollen“ des konvexen Gelenkpartners verhindert. Mit der Idee, die Gelenkmechanik zu kopieren, wird die manualtherapeutische Gleitmobilisation in vielen MT-Konzepten in Richtung der von Kaltenborn vorgegebenen Bewegungsrichtung durchgeführt.

Die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens wankt allerdings in Anbetracht der aktuellen Datenlage

Erklärt die Regel grundsätzlich die Gelenkmechanik?
Bayens et al. (2000) untersuchten die Arthrokinematik des Glenohumeralgelenkes in der späten Vorbereitungsphase eines Wurfes und fanden heraus, dass das Glenohumeralgelenk nicht wie ein reines Kugelgelenk arbeitet. Interessanterweise translatierte in der Untersuchung während der Vorspannungsphase, also einer Extension, Abduktion und Außenrotation des Wurfes der Humeruskopf nach entgegen den Erwartungen nach posterior. Bayens schließt daraus auf eine grundsätzliche Widerlegung der Kaltenbornregel.

Allerdings hält Schomacher (2009) den Ergebnissen Bayens‘ entgegen, dass ohne ein anteriores Gleiten der Humeruskopf bis zu vier Zentimeter aus der Gelenkpfanne rutschen müsste. Bei einem Großteil der Außenrotation findet ein Gleiten nach anterior statt. Dennoch stimmt er der Aussage Bayens zu, dass das vereinfachte Modell des Rollgleitens, insbesondere bei der Mobilisation, zu kurz gegriffen sei. Die Bewegung der Gelenkflächen ließe nicht immer auf die wirkliche Arthroskinematik schließen. Eine Vielzahl an Faktoren sorgt insbesondere im Schultergelenk für eine hochkomplexe Arthrokinematik, bei der sich sogar das Zentrum des Humeruskopfes im Verhältnis zur Pfanne in unterschiedliche Bewegungsrichtungen verschiebe, anstatt wie vorher angenommen „fixiert“ zu sein.

Die Forschungsgruppe um Bayens zeigte sechs Jahre später ebenfalls, dass eine posteriore Translation des Radius während der Supination im proximalen Radio-Ulnar-Gelenk stattfindet. (Studie Bayens et al 2006)

Eine weitere Ausnahme von der Konvex-Konkav-Regel findet sich in einer Studie von Scarvell et al (2019). Die Forschergruppe konnte beweisen, dass eine Knieflexion, konträr zur Hypothese Kaltenborns, teilweise mit einer posterioren Translation der Femurkondylen einherging.

Zeigt die Regel in welche Richtung ein Therapeut das Gelenk mobilisieren sollte?
Johnson et al (2007) verglichen in einer Untersuchung die Mobilisation von Schultergelenken bei Patienten mit einer Frozen Shoulder. Ziel der Behandlung war eine Verbesserung der Außenrotation. Eine Gruppe erhielt, entsprechend des Kaltenbornkonzeptes, eine Mobilisation mit einem Gleiten von posterior nach anterior (pa), während die Kontrollgruppe eine Gleitmobilisation von anterior nach posterior (ap) erhielt. Überraschenderweise verbesserte sich die Außenrotation bei der PA-Gruppe lediglich um drei Grad, während die AP-Gruppe ihre Außenrotation um ganze 31,3 Grad verbesserte. Beide Gruppen gaben auf einer visuellen Analogskala einen ähnlichen Wert in der Schmerzreduktion an.

Um eine Gelenkmobilisation möglichst effektiv zu gestalten, scheint die kaltenborn’sche Konvex-Konkav-Regel unzureichend zu sein. Zudem ist der Gedanke, mittels einer manuellen Technik tatsächlich Kapselgewebe zu verlängern, aufgrund der Stress-Belastungs-Kurve von Kollagen nicht wirklich nachzuvollziehen. Plausibler scheint ein neurophysiologischer Effekt im Sinne einer Schmerzmodulation zu sein.

Zusammenfassung
Kaltenborns Konvex-Konkav-Regel beschreibt die Bewegung der meisten Gelenke. Dennoch wurden in Experimenten Ausnahmen der Regel gezeigt. Die Erkenntnis, dass wieder einmal „logisch“ nicht gleich „physiologisch“ bedeutet, sollte die Skepsis und den Forschergeist von Therapeuten wecken. Wissen über Schmerzmodulation und Bindegewebsphysiologie sind ein Gewinn für die Praxis. Zwar nimmt es Therapeuten die „One-Size-Fits-All“-Lösung, anderseits erweitern die Erkenntnisse erheblich das Therapiespektrum.

Aufgabe von Therapeuten wird in Zukunft sein, für jeden Patienten die individuelle Lösung zur Erweiterung ihrer Beweglichkeit zu erarbeiten. Die Möglichkeiten umfassen manuellen Techniken, aber bieten auch Patienten die Möglichkeit selbstständig über Spiegeltherapie, Kräftigungsübungen, Meditations- und Atemübungen und vielem mehr ihre Beweglichkeit zu verbessern. Das umfassende biopsychosoziale Verständnis von Schmerz und Bewegung, sowie die Erfahrung von Therapeuten wird so zu unschätzbarem Wert für Patienten.

Daniel Bombien / physio.de


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