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Ergonomische Erziehung
Arbeitshaltungen in Kitas belasten das Muskel-Skelett von Pädagogen.
13.06.2015 • 0 Kommentare

Kinder können - im wahrsten Sinn des Wortes - Ballast sein. Diese Erfahrung machen besonders Erzieher in Kindertageseinrichtungen (Kitas): Beim Tragen von Kleinkindern sind sie oft schweren körperlichen Belastungen ausgesetzt. Wie sich langfristige Gesundheitsschäden der Pädagogen verhindern lassen, untersuchten Forscher mit dem Projekt "Ergo-Kita" Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen bei Erziehern in Kindertageseinrichtungen. Initiiert haben die Studie die Unfallkassen Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege.

Dabei wurden die physischen und psychischen Belastungen der Erzieher im Kita-Alltag erfasst und Lösungsansätze zur Verbesserung der beruflichen und gesundheitlichen Situation des pädagogischen Personals entwickelt. Die Wirksamkeit der Präventionsmaßnahmen zur Reduzierung der körperlichen Belastungen wurde in einem weiteren Schritt evaluiert. Zu Beginn der Untersuchung wurden die Leitungen von 265 Kitas in Nordrhein-Westfalen (NRW), Rheinland-Pfalz (RP) und Hessen zu aktuellen Rahmenbedingungen, Fort- und Weiterbildung und Ausstattung befragt. 24 repräsentative Kitas - jeweils sieben in NRW und Hessen sowie zehn in RP - wurden bei intensiven Begehungen sowie durch Befragungen hinsichtlich der physischen und psychischen Belastungen genauer betrachtet. Vertieft wurde die Ist-Zustand-Analyse durch Workshops sowie durch spezielle Messungen der Muskel-Skelett-Belastungen und computergestützte Tätigkeitsanalysen bei jeweils zwei Erzieherinnen in neun dieser Kitas an jeweils zwei Arbeitsschichten.

Insgesamt wurden in der Ist-Zustand-Analyse 36 Schichtaufnahmen durchgeführt und die zugehörigen Muskel-Skelett-Belastungen detailliert quantifiziert. Belastungsschwerpunkte ergaben sich beim Arbeiten mit gebeugtem Oberkörper in niedrigen Arbeitshöhen: Sie machten zwischen 16 und 35 Prozent der Arbeitsschicht aus. Der Anteil der Betreuung von Unter-Dreijährigen und die Nutzung ungeeigneter Transportmittel hatte einen erheblichen Einfluss auf die Lasten-Handhabung, nämlich bis zu vier Prozent der Arbeitsschicht Handhabung von Gewichten über zehn Kilogramm. Auffällig war außerdem der relativ hohe Anteil kniender Haltungen - durchschnittlich bis zu 16 Prozent der Arbeitsschicht.

Aus den Ergebnissen der Ist-Zustand-Analyse wurden tätigkeitsspezifische Präventionsmaßnahmen wie ergonomische Möbel und Ausstattungen, arbeitsorganisatorische Maßnahmen und Hinweise zum individuellen Verhalten abgeleitet. Daraus entstand ein Basis-Katalog von Präventionsmaßnahmen für die Tätigkeitsbereiche Spielen, Essen, Pflege und Schlafen. Darin enthalten waren unterschiedliche Lösungsansätze zur Belastungsreduktion wie ergonomisch gestaltete Wickeltische, ergonomisches gewichtsoptimiertes Mobiliar zur Vermeidung von Zwangshaltungen, organisatorische Maßnahmen zur Förderung des Belastungswechsels und individuelle Präventivmaßnahmen. In sechs der neun Interventions-Kitas wurden gemeinsam mit den Beschäftigten unter Berücksichtigung des jeweiligen pädagogischen Konzepts der Einrichtung geeignete Lösungen für die Umsetzung ausgewählt und durch Verhaltens- und Ergonomie-Schulungen ergänzt.

Nach einer Eingewöhnungszeit folgten erneute Befragungen und Workshops, spezielle Messungen und Tätigkeitsanalysen, um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu überprüfen. Dadurch ließen sich die Wirksamkeit der Lösungsansätze und deren Akzeptanz belegen. Statistisch signifikante Reduktionen wurden besonders beim Anteil der starken Rumpfbeuge-Haltungen und der knienden Haltungen durch Nutzung ergonomischer Möbel und Optimierung des individuellen Verhaltens erreicht. Diese Lösungsansätze können zur präventiven Arbeitsgestaltung in Kitas genutzt werden.
Die Ergebnisse des Projektes fließen in den Bau einer ergonomischen Muster-Kita, den mitunter die Unfallkasse Rheinland-Pfalz unterstützt. In diesem Vorzeige-Modell sollen Verantwortliche und Beschäftigte anderer Kitas Ideen für ergonomische Lösungen sammeln, die sie dann in ihren eigenen Einrichtungen umsetzen können. Ferner können die Erkenntnisse für Lehrmodule im Rahmen der Ausbildung von Kita-Personal und für Schulungsmaterial zur Verhaltensergonomie aufbereitet werden. Eine Handlungshilfe zur gesundheitsgerechten Kita-Gestaltung sowie die Entwicklung von Checklisten zur Gefährdungsbeurteilung sind weitere Anwendungsfelder zur Umsetzung der Forschungsergebnisse in die betriebliche Praxis.

NUR / physio.de

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