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Psychologie
Lachmuskeltraining
Reduziert ein Training der Gesichtsmuskeln depressive Symptome?
26.09.2026 • 0 Kommentare
Lizenz: CC-BY •
Zu einem der bekanntesten psychologischen Experimente gehört der Versuch von Fritz Strack, in dem er ProbandInnen danach befragte, wie lustig sie vorgelegte Comic-Strips beurteilten. Eine Versuchsgruppe sollte beim Betrachten eines Comics einen Stift nur mit den Zähnen halten, was zur Kontraktion des Musculus zygomaticus major und des Musculus risorius führt und somit einen lächelnden Gesichtsausdruck bewirkt.

Eine andere Gruppe hielt den Stift nur mit den Lippen, aktivierte so den Musculus orbicularis und erhielt damit einen eher neutralen Gesichtsausdruck (probieren Sie es gerne vor einem Spiegel aus). Wer unwillkürlich lächelte, bewertete die Comics gleichzeitig als witziger – eine Bestätigung für die „Facial-Feedback-Hypothese“, die besagt, dass nicht nur die Stimmung Haltung und Mimik formt, sondern auch umgekehrt können Haltung und Mimik Auswirkungen auf unsere Gemütslage haben. Forscherinnen aus Hamburg und Zürich wollen sich das zu Nutze machen und entwickelten einen physiotherapeutischen Behandlungsansatz für Depressionen, den sie in der „Fare-Well-Studie“ evaluierten.

Die Studie
Insgesamt wurden 49 Patientinnen und Patienten mit leichter bis mittelschwerer Depression im Centre for Anxiety and Depression Treatment Zurich behandelt. Die Kontrollgruppe führte täglich 15 Minuten lang ruhige Atemübungen im Sitzen an einem ungestörten Ort durch, die Interventionsgruppe erhielt das Trainingsprogramm, das aus zwei Teilen bestand:

  1. Teil Entspannungsmassage

  2. Im ersten Teil erfolgte eine passive faziale Relaxation durch Selbstmassage. Hier wurden gezielt mimische Muskeln adressiert, die mit negativen Emotionen in Verbindung gebracht werden, wie der Glabellakomplex mit M. corrugator supercilii und M. procerus sowie die periorale Depressorenregion mit M. depressor anguli oris und M. mentalis (Massagegriffe siehe Abbildung).

  3. Teil Mimisches Training

  4. Der zweite Teil bestand aus einem aktiven mimischen Krafttraining. Trainiert wurden insbesondere Muskeln, die am Lächeln beteiligt sind: M. zygomaticus und M. orbicularis oculi. Die Patientinnen und Patienten führten wiederholte Kontraktionen gegen einen durch die eigenen Finger erzeugten Widerstand aus, welche in drei Sätzen zu je zehn Wiederholungen durchgeführt wurden.

    Ergänzend wurde ein forciertes Lächeln für 20 Sekunden gehalten.

    Am Ende jeder Einheit erfolgte ein Klopfen und Ausstreichen des Gesichts, das eine Minute dauerte. Die Dauer einer Trainingseinheit betrug so insgesamt etwa 15 Minuten. Angeleitet wurde die Intervention durch eine Physiotherapeutin bzw. einen Physiotherapeuten. Dabei wurden die Übungen erklärt, demonstriert und mit den Patientinnen und Patienten eingeübt. Für das Heimtraining wurde ein bebildertes Manual sowie Zugang zu einem Video-Guide ausgehändigt. Nach einer Woche kontrollierte dieselbe physiotherapeutische Fachperson die Ausführung erneut und korrigierte bei Bedarf Technikfehler.

Die Studie lief über zwölf Wochen. In den ersten sechs Wochen wurde das Gesichtstraining mit der Ruheübung verglichen, danach erhielt auch die Kontrollgruppe das Gesichtstraining. Dieses sogenannte „verzögerte Start“-Design sollte sicherstellen, dass am Ende alle Teilnehmenden Zugang zur neuen Methode erhielten.

Ergebnisse
Gemessen wurde vor allem, ob sich die Depressionssymptome nach sechs Wochen veränderten. Dafür nutzten die ForscherInnen die Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS ). Nach sechs Wochen hatte sich die Depressionsschwere in der Trainingsgruppe stärker verbessert als in der Kontrollgruppe. In Zahlen sank der MADRS-Wert in der Trainingsgruppe von durchschnittlich etwa 20,6 auf 13,3 Punkte; in der Kontrollgruppe nur von etwa 20,1 auf 18,3 Punkte. Als klinisch relevant gelten 1,6 bis 1,9 Punkte. Die ForscherInnen werteten das als ersten Hinweis auf die Wirksamkeit der Maßnahme. Andere Messungen, etwa selbstberichtete Anhedonie (Unfähigkeit, Freude oder Lust zu empfinden) zeigten jedoch keine klaren Gruppenunterschiede.

Einfach nur lächeln?
Betroffenen von Depressionen nun zu raten, sie sollen aufgrund der Ergebnisse einfach häufiger lächeln, sollte hier nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Das Thema ist komplexer, als der bloße Blick auf die Daten vermuten lässt. Die eingangs erwähnte Studie von Strack wurde viele Male repliziert und gilt als Paradebeispiel für die Replikationskrise in der Psychologie, denn die beeindruckenden Ergebnisse lassen sich nicht klar wiederholen. Ob das forcierte Lächeln wirklich positiver stimmt, ist von vielerlei Faktoren abhängig, sogar eine ein- oder ausgeschaltete Kamera während des Versuchs veränderte die Ergebnisse. Auch der Ansatz, Botoxinjektionen im Gesicht gegen Depressionen einzusetzen, gilt als umstritten.

Eine 2022 in Nature Human Behaviour publizierte Studie mit fast 4.000 ProbandInnen weist trotz widersprüchlicher Bleistift- und Botoxexperimente darauf hin, dass (sehr) kleine Effekte durch heitere Mimik (bei gesunden Menschen) auftreten können, wenn sie versuchen, lächelnde Gesichter möglichst exakt zu imitieren und die Erwartung eines „Glückseffekts“ besonders groß ist. Lächeln scheint die Stimmung ein klein wenig zu heben. Zur Wahrheit gehört auch: Die besten Effekte erzielten TeilnehmerInnen, die die Studie durchschauten und damit rechneten, dass das „Glücksgefühl“ am Ende gemessen werden sollte.

Womit wir bei den Schwächen der Fare-Well-Studie angelangt sind, denn eine Kontrollgruppe ins stille Kämmerlein zu sperren und 15 Minuten atmen zu lassen, ist vielleicht nicht die beste Idee, wenn es darum geht, Depressionswerte zu messen.

Wer in psychologischen Einrichtungen arbeitet, kann die Mimik-Techniken sicherlich einmal ausprobieren, sollte allerdings nicht zu viel erwarten. Die beste physiotherapeutische Unterstützung (nicht alleinige Behandlung!) gegen Depression ist und bleibt Training (vermutlich egal in welcher Form). Das bestätigt auch die diesjährige Neuauflage des Cochrane Reviews zur Effektivität von Training gegen depressive Symptomatiken.

Daniel Bombien / physio.de

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