Wir zahlen 15.000 Euro und landen in der Altersarmut

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Physiotherapie-Schülerinnen aus Marburg rufen im Interview zur bundesweiten Protestaktion Sternfahrt #Fahrradprotesttour2019 auf.


04.05.2019

Katharina Spangenberg & Johanna Stremmel, 23 und 30 Jahre alt, beide Schülerinnen im 1. Ausbildungsjahr an der Ludwig Fresenius Schule für Physiotherapie in Marburg im Interview mit physio.de:

physio.de: Frau Spangenberg, Frau Stremmel: Sie sind beide erst im ersten Ausbildungsjahr zur Physiotherapeutin und rufen schon zum Protest auf. Weshalb?
Katharina S.: Der Beruf ist hochinteressant. Schon seit klein auf spiele ich Fußball und kenne daher auf Grund diverser Verletzungen den Beruf der Physiotherapeutin ganz gut. Fasziniert hat mich immer, wie unterschiedlich die Therapeuten mich doch behandelt haben und dennoch hat es jedes Mal geholfen. Doch so wie die Rahmenbedingungen zurzeit sind, darf es nicht weitergehen.
Johanna S.: Ja, wir zahlen ca. 15.000 Euro Schulgeld und -Stand heute- landen wir später in der Altersarmut. Ist doch klar, dass da kaum noch jemand den Beruf erlernen möchte.

Was haben Sie vor?
Katharina S.: An der Schule haben wir ja schon länger diskutiert, welche Zukunftsängste innerhalb der Schülerschaft bestehen und was man dagegen tun könnte. Zunächst dachten wir an das Schreiben "Offener Briefe" oder Ähnlichem. Durch den Kontakt unserer Schule zu den Therapeuten-am-Limit (TAL) kam dann die Idee einer Protest-Fahrrad-Sternfahrt von Schülern bundesweit.

Johanna S.: Wir rufen daher alle Therapeuten/-innen und vor allem auch Schüler/-innen auf, sich an der Sternfahrt #Fahrradprotesttour2019 der Therapeuten-am-Limit (TAL) zu beteiligen. Beginn ist Ende Mai und das Ziel ist das Regierungsviertel in Berlin. Letztes Jahr fuhr Heiko Schneider noch alleine, dieses Jahr soll es „ein Ding der Schüler“ werden, weil Schüler was zu sagen haben!
Die einzelnen Startpunkte und Tourdaten der Sternfahrt entnimmt man am besten der Webseite von TAL.

Was sind Ihre Forderungen?
Johanna S.: Auf Nummer eins, ganz klar: Schulgelfreiheit bundesweit und das sofort!
Katharina S.: Darüber hinaus müssen sich die allgemeinen Rahmenbedingungen drastisch bessern. Das heißt konkret, wir fordern:
- eine Ausbildungsreform
- die Stärkung der akademischen Ausbildung zur Qualitätssicherung
- eine am Bedarf ausgerichtete und faire Honorierung
- die Sicherstellung der wohnortnahen Patientenversorgung mit notwendigen Heilmitteln
- die Heilmittelzielvereinbarungen zu verbieten
- ein Verbot der Retaxierung falsch ausgestellter Verordnungen
- die Aussetzung der Budgetverantwortung während der Evaluierung der Blankoverordnung
- die Förderung und Finanzierung einer sachgerechten Versorgungsforschung, die nicht nur auf Wirtschaftlichkeit abzielt, sondern die Patientenversorgung in den Mittelpunkt stellt
- eine ganzheitliche gesundheitsökonomische Bewertung der Heilmittelerbringer als OP- und Pflegeverhinderer, sowie Arbeitsplatzerhalter
- die sofortige deutliche Anhebung der Hausbesuchspauschalen
- und eine Begrenzung der Zuzahlung für Heilmittel auf 10 Euro je Verordnung!

Welche Resonanz erhielten Sie bisher?
Johanna S.: Etliche Medien bekundeten bereits ihr Interesse. So will demnächst z.B. der Thieme-Verlag ein Interview mit uns führen. An verschiedenen Startpunkten wie z.B. Wiesbaden werden auch Demonstrationen stattfinden, zu diesen haben der Hessische Rundfunk und auch RTL ihre Teilnahme zugesagt. Und auf der Tour werden wir auch immer wieder lokale Pressevertreter treffen.

Das heißt, Sie beide werden selbst auch mitradeln?
Beide: Ja natürlich, vorausgesetzt wir bestehen die Probetour mit Heiko am 12. Mai (lachen)

Was treibt Sie an, sich neben der Ausbildung noch so berufspolitisch zu engagieren?
Katharina S.: Die Hoffnung etwas dadurch zu verändern – zum Positiven natürlich!

Was darf ich Ihnen zum Abschluss des Interviews wünschen?
Johanna S.: Viel mediale Aufmerksamkeit während der Tour und dass wir in Berlin Gehör finden.
Katharina S.: … und dass wir Erfolg haben und unsere Forderungen zeitnah erfüllt werden!

Frau Spangenberg, Frau Stremmel, wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Friedrich Merz / physio.de

Anmerkung der Redaktion:
Die Organisatoren sind noch auf der Suche nach Initiativen aus dem Osten und Süden der Republik.
Schulen, Schülersprecher oder auch fertig ausgebildete Therapeuten/-innen melden sich bitte bei inbewegungbleiben@therapeuten-am-limit.de

  • (5)
    04.05.2019 09:12
    RoFo
    RoFo: 4162 Beiträge, 92% Empfehlungen

    Ich vermute mal, es soll in diesem Zusammenhang statt Arbeitsplatzerhalt, wohl Arbeitskrafterhalt heißen.

    Was mir auf dieser Schüleragenda sehr fehlt ist, eine angemessene Ausbildungsvergütung!!!

    Oder hab ich das überlesen?

    Die Forderungen sind ansonsten nicht so schülertypisch.
    Es sollten sich sehr viele daran beteiligen!

    Ab auf den Drahtesel!!!!

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