Schulgeldfreiheit in Niedersachsen

4 Kommentare

Stellungnahme des Bundesverbandes für Ergotherapeuten in Deutschland BED e.V. zum Entwurf einer Richtlinie zur Schulgeldfreiheit in den Gesundheitsfachberufen in Niedersachsen


24.04.2019

Ergotherapeuten und sämtliche Heilmittelerbringer sind DIE PFLEGEVERHINDERER und PFLEGEVERZÖGERER und damit DIE KOSTENSPARER im Gesundheitswesen!

Sämtliche Gutachten bescheinigen einen massiven Pflegenotstand in den kommenden Jahren.

2015 gab es 2,8 Mio. Pflegebedürftige, bis 2030 werden es, selbst unter positiver Betrachtung, mindestens 3,6 Millionen sein. Das entspricht einer Veränderung von rund 30% innerhalb von 15 Jahren.[1]

Wir brauchen daher bis 2030 jedes Jahr 2% mehr Therapeuten, nur um die Heilmittelversorgung aus dem Jahr aus 2015 zu halten! Da bislang jedoch keine Verbesserungen für die Branche vorgenommen wurden, sind die fehlenden 8% der vergangenen 4 Jahre seit 2015 mit zu kompensieren. Damit brauchen wir jährlich 3% mehr Therapeuten. Da an den laufenden Jahrgängen, der sich bereits in Ausbildung befindlichen Therapeuten keine positiven Veränderungen mehr vorgenommen werden können, ist eine steigende Anzahl an Therapeuten im Beruf erst in 3 Jahren möglich. Damit verbleiben nur noch 8 Jahre, um die Fachkräftelücke der Therapeuten zu schließen. Daher brauchen wir ab sofort jedes Jahr nun mindestens 4% mehr Therapieschüler. Wohlgemerkt: NUR um das Niveau aus 2015 zu halten.
Eine Lösung des Pflegenotstandes ist jedoch der verstärkte Einsatz von Therapeuten, um die Pflegebedürftigkeit zu reduzieren und/oder zu verzögern. Daher sollte mindestens von einem steigenden Bedarf an Therapeuten von 6% jährlich bis 2030 ausgegangen werden.

Deshalb ist der Schritt des Landes Niedersachsen zu begrüßen nun bereits zum 01.08.2019 die Schulgeldfreiheit zu realisieren. Dafür jedoch deutlich zu wenig Mittel zur Verfügung zu stellen ist nicht nachvollziehbar.

Da die Förderung nur für neue Therapieschüler gelten soll, ist mit einer verstärkten Anzahl an Ausbildungsabbrüchen der bisherigen Therapieschüler zu rechnen, die ihre Ausbildung im „besten“ Falle noch einmal unter der Schulgeldfreiheit beginnen. Die Regelung widerspricht zudem dem Gleichheitsgrundsatz.
Die Gesellschaft einer alternden Bevölkerung kann sich eine weitere Verschlechterung der therapeutischen Versorgung nicht leisten. Daher ist ein Sonderhaushalt in Niedersachsen notwendig, um die dafür notwendigen Mittel bereit zu stellen.
Damit einhergehen muss die Forderung an den Bund über das Land Niedersachsen endlich im angemessenen Maß die Länder im Rahmen der Schulgeldfreiheit zu unterstützen und damit öffentlichen Druck auszuüben.

Die hier aufgezeigten Fakten bieten Anlass zu großer Sorge, wenn das Vorhaben wie geplant umgesetzt wird. Eine Anpassung der Förderhöhe ist zwingend notwendig, wenn man das Ziel der Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit therapeutischen Leistungen auch ernsthaft erreichen will.
1.589 Ergotherapieschüler verzeichnete das Statistische Bundesamt in seiner Fachserie 11, Reihe 2, 2017/18 in Niedersachsen.
560 davon befinden sich im 1. Jahrgang. Wir brauchen damit 34 Schüler mehr im Bereich der Ergotherapie und damit 594 Ergotherapieschüler, die in diesem Jahr ihre Ausbildung beginnen. Wir merken an, dass die Ergotherapie in Niedersachsen, in der Schulstatistik an den meisten Stellen schlichtweg vergessen wurde! Die Anzahl der Schüler der Jahrgänge 2 und 3 sind für Niedersachsen im Bereich der Ergotherapie nicht ersichtlich.[2]
Im Schuljahr 2019/2020 werden voraussichtlich ausgehend von der Schulstatistik 1.502 Schüler Ihre Ausbildung in einem der 4 zu fördernden Gesundheitsfachberufe: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie beginnen.
Benötigt werden jedoch rund 1.600 Schüler.

Zu monieren ist in dem Zusammenhang auch, dass die Masseure/Med. Bademeister, die das Korsett der Physiotherapie tragen, bei der Förderung nicht berücksichtigt werden.

Die Förderrichtlinie ist in jedem Fall im Punkt 1.2 anzupassen:
Bislang heißt es: „Ein Anspruch der Antragstellerin oder des Antragstellers auf Gewährung der Zuwendung besteht nicht, vielmehr entscheidet die Bewilligungsbehörde aufgrund ihres pflichtgemäßen Ermessens im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel.“

Dieser Punkt verstößt ebenfalls gegen den Gleichheitsgrundsatz.
In der Konsequenz bedeutet das: Nicht für alle Schüler wird die Schulgeldfreiheit gelten, denn:
Für jeden der 1.600 Schüler stehen bei 1,5 Millionen in 2019 im Durchschnitt nur 234 € zur Verfügung, für 1.502 Schüler nur 250 €.
Der Durchschnitt der Schulgebühren der Schulen, die ihre Gebühren veröffentlichen liegt der Schnitt bei 282 € im Bereich der Ergotherapie. Bei 1.502 Schülern müssten daher 1,7 Millionen Euro, bei 1.600 Schülern Landesmittel über 1,8 Millionen zur Verfügung stehen.
1,5 Millionen Euro reichen nur für 1.329 Schüler. 173 Schüler der Therapieberufe würden damit leer ausgehen.

Wir als Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland BED e.V. bitten daher dringend um Nachbesserung bei der Förderhöhe über einen Sonderhaushalt und eine passgenaue Kalkulation der Fördermittelan Hand des tatsächlichen Bedarfes.

12.April 2019

Bei Rückfragen zu unserer Stellungnahme stehen wir stets gerne zur Verfügung.

Herzliche Grüße
Christine Donner
Diplom-Betriebswirt
Geschäftsführender Vorstand Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland BED e.V.
Bundesweit akkreditierte Unternehmensberaterin für Heilmittelpraxen & Wirtschaftmediatorin
Telefonkontakt: 05221 - 875 945 3 -

Assistenz Frau Andrea Hiller
Mobil: 0173- 25 833 70 /Festnetz: 02324- 996 997 4

[1] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Publikationen/Downloads-Pflege/pflege-deutschlandergebnisse-5224001179005.html Sowie: https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ZahlenFakten/Pflegebeduerftige_Anzahl.html

[2] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Schulen/Publikationen/Downloads-Schulen/berufliche-schulen-2110200187004.pdf?__blob=publicationFile&v=5

  • (2)
    24.04.2019 08:20
    Medico
    Medico: 3191 Beiträge, 93% Empfehlungen

    Mit bestem Dank an den BED für die fundierte Darstellung!

    Es wird zunehmend klarer, dass wir mit Geld allein das Versorgungsproblem nicht lösen können. Wir benötigen dringend andere Versorgungskonzepte, die verstärkt auf Beratung und Therapievermeidung abzielen.
    Tun wir das nicht und verharren weiter in der 1:1 Therapie, werden wir erst im 15 min Takt landen und dann später noch darunter. Da das keine sinnvolle Option ist, bedarf es anderer Konzepte.

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    24.04.2019 09:32
    tom1350
    tom1350: 4179 Beiträge, 32% Empfehlungen
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    (1)
    24.04.2019 10:35
    Medico
    Medico: 3191 Beiträge, 93% Empfehlungen
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    (1)
    24.04.2019 11:09
    hermi
    hermi: 1529 Beiträge, 85% Empfehlungen
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