Taugen Balanceübungen zur Sturzprophylaxe?

3 Kommentare

Untersuchung zur Aufgabenspezifität von Gleichgewichtstraining und Transfermöglichkeiten


15.04.2019

Der Therapiekreisel, das Kippbrett, das Balancepad oder sogar die Slackline - das alles sind gängige Materialien, mit denen das Gleichgewicht geschult wird. Meist soll es der Sturzprophylaxe dienen oder der Vorbeugung und Rehabilitation von Sprunggelenksverletzungen. Aber kann der stolpernde Mensch tatsächlich die spezifischen Übungen auf den wackligen Alltag übertragen? Zumindest ist das die gängige Meinung in der Literatur. Der Sportwissenschaftler Dr. Andreas Kramer und sein Kollege Dr. Louis-Solal Giboin sind an der Universität Konstanz dieser Frage auf den Grund gegangen.

Als Erstes wollten die Wissenschaftler wissen, ob Gleichgewicht eher eine allgemeine Fähigkeit ist und sich somit eine Gleichgewichtsaufgabe auf andere untrainierte Aufgaben übertragen lässt. Dazu haben sie vierzig gesunde Teilnehmer in drei Gruppen eingeteilt, zwei Trainingsgruppen und eine Kontrollgruppe. Die erste Trainingsgruppe trainierte zwei Wochen lang eine Gleichgewichtsaufgabe mit einem Kippbrett, die zweite den Einbeinstand mit einer Schwingscheibe, dem Posturomed. Die dritte trainierte nicht. Vor und nach der Trainingsphase wurden die ersten beiden Gruppen an ihrem jeweiligen Gerät getestet, danach auf dem anderen. Ergebnis: Deutliche Verbesserungen am eigenen Trainingsgerät, aber nicht am fremden. Fazit: Gleichgewicht ist also eher eine Ansammlung von Fertigkeiten als eine generalisierte Fähigkeit.

Ihre Ergebnisse wollten sie jetzt mit einer Literaturrecherche und Metaanalyse untermauern. Die Forscher sichteten 3.000 wissenschaftliche Artikel. Einschlusskriterien für die Untersuchungen waren: randomisierte kontrollierte Studien mit Gesunden, die nur Gleichgewichtstraining nutzten (und kein multimodales Training) und zur Vor- und Nachtestung, bei denen die eingeübten Gleichgewichtsaufgaben als auch mindestens eine untrainierte dabei war. Übrig blieben sechs Studien. Alle sechs verzeichneten beim beübten Trainingsgerät ein starke Verbesserung, beim untrainierten keine oder wenig Effekt. Es findet also kein Transfer statt.

Die nächste Frage, die sich die Wissenschaftler stellten, war, ob viele verschiedene Gleichgewichtsaufgaben einen positiven Effekt auf das Erlernen neuer Gleichgewichtsaufgaben haben - und sich somit auch auf neue, nicht trainierte Situationen übertragen lassen, ein „Learning to learn“. Dazu kreierten die Forscher einen Studienaufbau, bei der die Teilnehmer eine Einheit von 90 Wiederholungen mit drei verschiedenen Gleichgewichtsaufgaben, gefolgt von 90 Wiederholungen einer neuen Aufgabe absolvieren mussten. Resultat: Auch hier hatten die Teilnehmer keinen Effekt beim Erlernen der neuen Gleichgewichtsaufgabe im Vergleich zur Kontrollgruppe zu verzeichnen. Auch eine modifizierte Studie mit deutlich längeren, variableren Gleichgewichtstraining zeigte kein „Learning to learn“. Wieder findet hier also kein Transfer statt.

Wieso aber, fragten sich Kramer und Giboin, ist die Auffassung von der Generalisierbarkeit des Gleichgewichtstrainings so verbreitet? Und wieso gibt es Studien, die leichte Effekte aufweisen? Die Forscher vermuten, dass viele Studien mit älteren Menschen durchgeführt wurden, bei denen jegliche Art von Training schon einen Muskelaufbau nach sich führt, somit bei einem neuen Gerät ein scheinbarer Transfer stattgefunden hat. Unterstützt wird die These dadurch, dass tatsächlich bei mehr Muskelkraft auch ein besseres Gleichgewicht zu beobachten ist. Hier fehlt es aber noch an weiteren tragenden Studien.

Zusammenfassend ist zu sagen: In der Regel ist kein Transfer möglich, somit ist es fraglich, ob ein reines Gleichgewichtstraining in der Lage ist, die Reaktion auf unbekannte, untrainierte Situationen zu verbessern. Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass die Sturzprophylaxe nur funktioniert, wenn man eine sturzähnliche Situation herbeiführt.

Für weitergehende Fragen können Sie sich hier direkt an Dr. Andreas Kramer wenden.

Ul.Ma. / physio.de

  • 15.04.2019 07:19
    Philipp Morlock
    Philipp Morlock: 409 Beiträge, 42% Empfehlungen

    Schutzschritt üben, in allen Richtungen. Oder einfach alle Gangrichtungen üben.

    Minderreflektierte können meinen das Ergebnis sei man müsste Stürzen üben.

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  • (1)
    15.04.2019 21:37
    anker1972
    anker1972: 170 Beiträge, 94% Empfehlungen

    Stürzen hat man in Basel wirklich geübt und zwar mit einem Judomeister. Ich habe die Videos gesehen. Da sind wirklich gesunde 70jährige am Ende fallschulengerecht auf den Hallenboden gelandet und denen ging es danach gut. Ich glaube, die Trainingsdauer war 12 Wochen. Allerdings hat das Falltraining eine andere Qualität, als wir Therapeuten es vermögen. Aber grundsätzlich bin ich durchaus ein Fan der Variante unter meisterlicher Anleitung geworden. Dass dies aber nicht für jeden Patienten gelten würde, ist auch klar.

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  • (1)
    16.04.2019 06:46
    Norbert Meyer
    Norbert Meyer: 875 Beiträge, 74% Empfehlungen

    Beseitigt die muskulären Dysbalancen im körperlichen Ganzheitlichen und der Pat. erlernt wieder Fähigkeiten die verloren waren!
    Egal welchen Alters.
    Eine Patientin Jahrgang 1925 hat im letzten 1 1/2 Jahren ihre Therapie auf 1 x wöchentlich reduziert , seit Weihnachten 2018 total eingestellt und es kam was kommen musste, beidseitige Gehhilfen,1. Sturz von Freitreppe vor 8 Wo. plus nachfolgend 2. Sturz vor 5 Wo. in ihrer Küche mit Beckenfraktur,
    HB im Zentrum Berlin von mir 23 km entfernt ging nicht mehr, Basta
    obwohl ich ihr zu Hause ein Trainingssystem angebaut hatte!

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