Multimodale Schmerztherapie ist auch langfristig wirksam

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Studie untersucht die Effektivität einer definierten komplexen Intervention bei chronischen Rückenschmerzen.


18.04.2019

In Deutschland leiden ca. 10 Prozent der Bevölkerung an chronischen Rückenschmerzen. Um Kosten zu sparen und ein besseres Therapieergebnis zu erzielen erfolgt die Therapie dieser Patienten häufig interdisziplinär sowie mit einer höheren Behandlungsfrequenz. Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Heidelberg haben eine Studie durchgeführt, um die kurz- mittel- und langfristigen Effekte eines speziellen Therapiekonzeptes zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen zu testen.

Bestandteile des multimodalen Therapiekonzeptes waren: „Gruppeneinheiten wie Bewegungstherapie z. B. Walking, Entspannungs- und Musiktherapie, psychologische Schmerzbewältigung, systemische Familienaufstellung, ärztliche Patientenedukation sowie therapeutische Einheiten im Einzelsetting (Psychotherapie, Krankengymnastik, Elektromyographie [EMG] - Biofeedback)“.

Insgesamt nahmen 59 Patienten (Durchschnittsalter 45,27 Jahre, 62 Prozent weiblich) aus der Tagesklinik des Universitätsklinikums Heidelberg teil. Es gab keine Kontrollgruppe. Messzeitpunkte waren zu Beginn der Therapie, direkt nach Abschluss der dreiwöchigen Intervention, nach sechs Monaten und nach zehn Jahren. Als Erhebungsinstrumente nutzten die Forscher mehrere standardisierte Fragebögen, die folgende Aspekte erfassten:
- Schmerzintensität
- schmerzbedingte Beeinträchtigung
- Depressivität
- Funktionskapazität
- Vitalität/Lebensqualität

Die Ergebnisse zeigten signifikante Verbesserungen der Patienten in allen gemessenen Parametern zu allen Messzeitpunkten. Die Effektstärken waren bezogen auf die verschiedenen Outcomes sehr unterschiedlich. Der größte Effekt konnte zu allen Messzeitpunkten für die Schmerzintensität erreicht werden.

Eine Limitation der Untersuchung ist, dass innerhalb der zehnjährigen Nachbeobachtungsphase viele Veränderungen bei den Lebensumständen der Patienten auftreten können, die einen Einfluss auf die erhobenen Messparameter haben. Es kann folglich nicht zweifelsfrei festgestellt werden, ob die positiven Effekte allein auf die Inhalte des durchgeführten Behandlungskonzeptes zurückzuführen sind. Gegebenenfalls könnten die Patienten in der Zwischenzeit andere Therapien in Anspruch genommen haben, die nicht mit der ursprünglichen Intervention in Zusammenhang stehen.

Exkurs: Effektstärke
Die Effektstärke ist ein statistischer Wert, der dabei helfen kann, die praktische Relevanz eines statistisch signifikanten Ergebnisses zu beurteilen. Im Vergleich zum häufig angegebenen „p-Wert“ wird die Effektstärke durch eine Veränderung der Stichprobengröße nicht beeinflusst.
Beispiel:
In einer Studie mit einer sehr großen Patientenanzahl nach einer Knieoperation wird eine Gruppe mit konventioneller Physiotherapie behandelt. Bei der anderen Gruppe findet zusätzlich ein Training im Bewegungsbad statt. Bei der statistischen Auswertung der Ergebnisse könnte bereits ein Unterschied von zwei Grad Knieflexion zwischen den zwei Probandengruppen signifikant sein. Trotz dieses mathematisch korrekten Ergebnisses bedeutet dieser Unterschied allerdings nicht, dass das Ergebnis auch wirklich praktisch relevant ist.

Ein Abstract der Studie finden Sie hier.

Catrin Heinbokel / physio.de