"Bin doch sehr stolz auf das, was wir erreicht haben"

27 Kommentare

Interview mit Herrn Dr. Roy Kühne MdB über das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG), seine Wünsche an die Verbände und mögliche weitere Gesetzesinitiativen --- Teil 1


03.04.2017

physio.de: Zunächst einmal: Herr DOKTOR Kühne oder Herr Kühne?
Dr. Kühne: Herr Kühne.

Herr Kühne, wie geht’s Ihnen, wenn Sie jetzt - einige Tagen nach Verabschiedung des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes (HHVG) - mit etwas Abstand auf selbiges blicken?
Also, ich glaube dafür, dass es von einem Politiker mit seinem Team vorangebracht wurde, der vorher nicht in der Politik tätig war, bin ich doch sehr stolz auf das, was wir erreicht haben. Und ich freue mich darüber, dass wir diesen spürbaren Schritt für die Verbesserung der Heilmittelerbringer getan haben.

Waren Sie eigentlich nervös bei Ihrer Rede im Bundestag?
Ja.

Jetzt würde ich gerne mal ein wenig in medias res gehen. In dem neuen Gesetz steht sehr viel. Welche der zahlreichen neuen Regelungen in dem Gesetz sind speziell für Heilmittelerbringer interessant?
Ich glaube einer der wichtigsten Punkte, die wir in diesem Gesetz durchgesetzt haben, ist die Entkoppelung der Vergütung von der Grundlohnsumme für drei Jahre. Damit haben die Verbände das Mandat der freien Verhandlung und können mit den Krankenkassen durchaus in den Streit ziehen. Ich hoffe, dass wir dadurch eine Verbesserung des Lohnniveaus erreichen.
Ich sag mal, wenn der Vergleich so ist, dass man an einer Tankstelle in der Nachtschicht ohne große Verantwortung mehr verdient als ein Therapeut, der sich fortbildet, dann stimmt irgendwas im System nicht.

Ein weiterer Erfolg sind die Modellversuche zur Blankoverordnung.
Das müssen wir ja auch mal zugeben: Bisher ist es ja doch so, dass der Arzt die Dauer, die Frequenz und die Methode festgelegt hat, ohne in seinem Studium gelernt zu haben, was Heilmittelbehandlung alles bedeuten kann.
Daher sehe ich es als längst überfällig an, dass hier eine Aufgabenteilung erfolgt. Wir sagen: Jawohl, der Arzt stellt erstmal die Diagnose - das hat er gelernt, das kann er. Aber alles Weitere überlässt er dann den Fachexperten, nämlich den Therapeuten. Und die legen dann mit dem Patienten individuell fest, was getan werden soll und wie oft etwas getan werden muss.

Da würde ich gerne ein wenig nachhaken. Wenn ich das Gesetz lese, dann steht da, dass der Therapeut die "Dauer" der Therapie bestimmt. Was ist mit dem Wort "Dauer" genau gemeint? Die Minutenzahl, die ich an diesem einen Tage den Patienten behandle oder wie lange die Therapie insgesamt dauert, sprich über wie viele Wochen sie sich erstreckt?
Beides. Wir legen mit dem Begriff "Dauer" fest, wie lange der Therapeut innerhalb einer Zeiteinheit den Patienten behandelt, also zehn, fünfzehn oder mehr Minuten. Und wir legen auch fest, wie oft in der Woche. Das wäre dann die Frequenz. Und der dritte Fakt, den wir mit dem Wort "Dauer" beschreiben, ist, über wie viele Wochen die Therapie stattfindet. Damit liegen alle Stellfaktoren zur Behandlung bei dem Therapeuten.

Ähnliche Frage dazu. Im Gesetz steht: 'Der Arzt stellt die Indikation'. Was ist mit dem Wort "Indikation" gemeint? Eher, die wörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen - von "indicare", etwas anzeigen - sprich: Es ist angezeigt, dass dieser Patient Physiotherapie erhalten muss? Oder ist damit - wie andere Quellen behaupten - gemeint: Der Arzt schreibt zusätzlich zur Diagnose einen Indikationsschlüssel auf das Rezept und der Physiotherapeut muss dann wieder im Heilmittelkatalog nachschauen, welches Heilmittel ist denn eigentlich innerhalb dieses Indikationsschlüssels erlaubt?
Das wäre ja ein Schritt rückwärts. Wir wollen ja, dass der Therapeut festlegt, was er tut - also die Methode. Und, wie Sie schon richtig gesagt haben: "indicare" heißt anzeigen. Und mit dem Ausstellen einer Heilmittelverordnung ist ja schon das "indicare" durch den Arzt gegeben. Der Therapeut macht dann das, was er an diesem Tag, in diesem Moment, nach drei, vier, vierzehn Tagen Behandlung für richtig hält.

Und wer bestimmt, welche Praxen an diesem Modellvorhaben teilnehmen dürfen?
Wir erarbeiten gerade Kriterien, nach welchen Praxen an der Teilnahme berechtigt werden, Modellvorhaben durchzuführen.

Wir, das heißt das Büro Kühne, oder wer?
Nein, da sind vor allem die Verbände aufgefordert. Diese können das individuell gestalten, direkt losgehen und sagen: "Wir machen jetzt einen Modellversuch!" In Baden-Württemberg, Herr Preibsch, hat es ja gerade gemacht.

Sprechen wir über die anschließende Evaluierung. Wer wird denn am Schluss die Modellversuche zur Blankoverordnung evaluieren?
Da ist die Politik, der Bundestag und auch das Bundesministerium, gerade dabei, dies mit den Krankenkassen und Verbänden festzulegen. Meine Vorstellung ist, dass dort wissenschaftliche Methoden zur Anwendung kommen. Ich möchte zum Schluss keine Excelliste haben. Sondern ich möchte, dass wir zum Beispiel Universitäten oder Hochschulen damit beauftragen, diese Prozesse zu begleiten. Gerne auch dort, wo wir akademisierte Heilmittelerbringer ausbilden, die liebend gern im Rahmen einer Doktorarbeit nach einer Thematik suchen.

Und, was schätzen Sie? Wie lange wird es dauern, bis sich die Verbände der Heilmittelerbringer mit den Spitzen der Krankenkassen über die Ausgestaltung der Modellversuche zur Blankoverordnung geeinigt haben?
Dadurch, dass die Modellversuche ja eigentlich möglichst schnell gestartet werden sollen, kommt von mir natürlich jetzt der stetige Aufruf an die Verbände, sich möglichst schnell mit den Krankenkassen an den Tisch zu setzen und Modellversuche zu starten.
Mir wäre es natürlich lieb, wenn sich die einzelnen Fachverbände bundesweit koordinieren würden, damit wir nachher nicht die Modellversuche Physiotherapie I, II, III, IV, V haben, die nicht miteinander vergleichbar sind.
Meine Vorstellung wäre, dass wir am Schluss wissenschaftlich gute, einheitliche Modellversuche mit einer möglichst hohen Teilnehmerzahl hätten, ganz im Sinne von: Blankoverordnung ist gut für den Patienten und rechnet sich für die Gesellschaft.
Das heißt auch: Die Kriterien sollten so klar wie möglich formuliert werden, aber sie sollten auch möglichst vielen Therapiepraxen die Möglichkeit geben, mitzumachen. Ich möchte keine Selektion haben im Sinne von: Nur zehn Prozent dürfen mitmachen. Das Wichtigste ist, dass die Modellversuche zum Schluss bundesweit vergleichbar sind, um eine möglichst hohe Validität zu schaffen.

Das Gespräch mit Dr. Roy Kühne führte Friedrich Merz / physio.de

Den zweiten Teil des Interviews mit Dr. Roy Kühne lesen Sie hier.

  • (2)
    03.04.2017 15:16
    steupel
    steupel: 257 Beiträge, 50% Empfehlungen

    :||:OO)
    Es läuft vieles in die richtige Richtung.
    Vielen Dank dafür....ein Anfang ist gemacht.

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  • (2)
    03.04.2017 15:59
    hermi
    hermi: 1515 Beiträge, 85% Empfehlungen

    Dr. Roy Kühne hofft, dass durch die Entkopplung von der Entwicklung der Grundlohnsumme für 3 Jahre die
    "Verbände mit den Kassen in den Streit ziehen" und damit eine bessere Bezahlung für uns
    realisiert werden kann.
    Das wird wohl auch klappen.
    Aber: Ändert das was ?

    Ein Beispiel: 3 Jahre lang eine Vergütungserhöhung von je 5% bei der Pos. KG 16,20 € bedeutet
    im Jahre 2020 dann 18,75 €.
    Bei 3 x 7 % Steigerung sind das dann 19,85 €
    Bei 3 x 10 % Steigerung dann 21,56 €

    Mit anderen Worten: 3 x hintereinander zweistellige Verhandlungsergebnisse sind Pflicht, um wieder
    mehr Berufsanfänger für unseren Beruf zu gewinnen.
    Ich habe zwar nichts zu fordern, da ich in keinem Verband bin (gell Stefan ?), muss ich aber auch nicht,
    denn ich bin ja davon nicht betroffen. Im Gegenteil: Aufträge wie Sand am Meer.
    Außerdem werden die Verbände wahrscheinlich jeden Streit vermeiden wollen......

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    03.04.2017 21:54
    psy
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    03.04.2017 22:38
    hermi
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    tom1350
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  • 05.04.2017 09:56
    Norbert Meyer
    Norbert Meyer: 875 Beiträge, 74% Empfehlungen

    Was ausgebildete praktizierende Mediziner leisten, erlebt jeder täglich in seiner Praxis mit dem ausgestellten Auftrag vom Dr..
    Die " Physikalische Medizin" wird ausgelassen und nutzt wenig und kostet nur Geld und Zeit = Verschwendung!
    Die Neuerungen,wenn dann endlich eingeführt und nutzbar, sind im Grunde alte Hüte, es gab schon immer Ärzte die der Physiotherapie positiv gegenüber sich verhielten und nicht den konkurierenden Pt in mir sahen, das war vor 1990 * wir waren Partner im Gesundheitswesen* und

    danach kamen meine Patienten ohne die Erkenntnis der " Selbstzahlerlösung" nicht aus, also auch hier ein ganz alter Hut.Bis zu 35 % der anfallenden Arbeiten läuft nur über diese Schiene und erspart letztlich den Kassen Kosten.

    Klar fällt es dem Patienten schwer ,zu akzeptieren seine Mittel zur Gesunderhaltung einzusetzen, zu mal ja der Arzt oft mit dubiosen IGELLEISTUNGEN wirbt !
    :OO)

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